Reisefieber
In der Walpurgisnacht kommt das Fieber, klettert bis zum Morgengrauen in erschreckende Höhen und brennt vier Tage lang. Ängste, Sorgen, Zweifel branden auf – aber prallen an radikalem Optimismus einfach ab.
Keine Panik! Was soll schon sein?
Alles!
Nichts.
Es wird vorbeigehen. Wir warten einfach ab.
So wird Châlons-en-Champagne, ein sympathisches Städtchen, unsere Bleibe zur Genesung. Einst wurde da aus dem befestigten, aber nicht mehr gebrauchten Stadttor, ein Triumphbogen errichtet, der 1770 zu Ehren der bedauernswerten, erst 14jährigen Erzherzogin Maria Antonia aus Österreich anlässlich ihrer Brautfahrt von Wien nach Versailles fertiggestellt werden sollte. Die Rückseite des Bogens blieb bis heute ungeschmückt, den Bildhauern war die Zeit zu kurz. Das sollte nicht die größte Tragik im Leben des armen Mädchen bleiben.
Die einzige zeitgenössische Zirkusschule Frankreichs gibt es hier und jede Menge Kanäle, die die Flüsse Marne und Mau und Nau verbinden und natürlich eine riesige Kathedrale. Am Friedhof der Stadt ruht Cabu, ein Cartoonist, der 2015 beim Terroranschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo getötet wurde. Dass nur etwa 50 km weiter in Châtillon-sur-Marne eine überlebensgroße Statue für Papst Urban II. steht, der im beginnenden ersten Jahrhundert zu den Kreuzzügen aufgerufen hatte, wirkt wie bittere Ironie.
Die Zeit fürs Grübeln und Sinnen über Gewalt und Macht im Namen eines Glaubens wird gottlob auch bald zu kurz, das Fieber zieht sich zurück und verschwindet ganz. Baguettes und allerhand süße Köstlichkeiten aus den Boulangerien schmecken wieder, noch ein paar Tage Ruhe – und Zdeňka ist wie neu.
Wir verlassen Châlons-en-Champagne und radeln noch zwei ganze Tage zwischen Weingärten durchs Tal der Marne. Jeder Hügel, ob flacher oder steiler, ob mit Trockensteinmauern angelegt oder wie von selbst entstanden, ist mit knapp hüfthohen, ausgesucht erlaubten Reben überzogen. Unterbrochen wird das helle Grün nur von strahlend weißen Kreidefelsen und Wegen, die wie frisch gekalkt anmuten. Champagnerkreide in reinster Form.
Unter Fachwerkhäuser mit bunten hölzernen Fensterläden mischen sich ein paar Steinhäuser – mit bunten hölzernen Fensterläden. Und auffallend sind auch die Autos auf den Straßen, bei den Höfen – da wimmelt es von Renault-Modellen, die in Österreich vor den 1980ern schon ausgestorben waren. Verbeult, zerkratzt – echte Verbrenner ohne elektronischen Firlefanz. Nur, je weiter wir ins Herz der Champagne vordringen, umso weniger werden die Fahrzeuge als Nutzobjekt. Je näher wir Épernay kommen, umso “wertvoller” und deutscher der Fuhrpark, die Anwesen der Champagner-Produzenten sind keine Höfe mehr, es sind Burgen, Schlösser, riesige Villen! Hinter vergoldeten Zäunen verbergen sie die prickelnden Schätze, die so viel materiellen Reichtum möglich machen. Alleine Moët-Chandon lagert seine in über 100 km Stollen. Eine faszinierende, offenbar gut funktionierende Industrie, wie der gut betuchte Besucherstrom deutlich macht.
Die Marne zieht von da weg ausufernde Schleifen, wir schaffen es kaum, ihr zu folgen. Weitläufige Felder und Wiesen und dazwischen Kriegerdenkmäler für Generäle und weiße Kreuze für Soldaten. Gedenkstätten für den ehemaligen Feind. Die Schlacht von Verdun, die Schlacht an der Marne – im Westen nichts Neues, in Zukunft auch nicht. Als wäre alles Leid immer noch zu wenig gewesen.
Unsere Kämpfe beschränken sich zum Glück auf das Finden der richtigen Route. ROUTE BARRÉE (Straße gesperrt) lesen wir oft, glauben es nicht, müssen umdrehen, es gibt keine Umleitung, keine Hinweise – nur außergewöhnlich geduldige Menschen, die uns trotz unserem mageren Französisch und dezent schlechter Laune auf den rechten Weg lotsen.
Und so erreichen wir, etwas erschöpft aber gesund, nach etwas über 1500 km Paris – über den Canal de L’Ourcq – und werden mit Hektik, Hupen, Lärm und Trubel empfangen. Verkehrsregeln scheint es nicht zu geben. Die Hierarchie ist einfach: die Eiligen haben Vorrang. Nur nicht zögern. Erst sind wir wie gelähmt – und platt, im wahrsten Sinn des Wortes, auf der Pont-Neuf ereilen Zdeňkas grüne Reifen die nächste Panne – aber nach einem Tag fügen wir uns ganz und tippen auf Motorhauben, wenn wir abbiegen wollen, kreuzen Boulevards furchtlos und flitzen durch die engen Gassen von Saint-Germain-des-Prés. Maison de Simone de Beauvoir, Tour Eiffel und Arc de Triomphe, und etliche weitere besuchenswerte Orte später verlassen wir die Großstadt über Saint-Cloud, werfen noch einen Blick von der höher gelegenen Parkanlage, deren Ausmaße ebenso enorm sind, und radeln weiter Richtung Versailles und freuen uns auf das nächste Highlight.
Haben wir uns gefreut.
Und wir wollen mit unseren Fahrrädern nicht in die Schlafgemächer des Schlosses, aber wir dürfen damit nicht einmal durch das Tor. Es gibt keine Möglichkeit, Fahrräder und Gepäck sicher aufzubewahren, also bleibt uns nur ein Blick aus der Ferne auf all den Prunk.
Ludwig XIV. sitzt auf seinem bronzenen hohen Ross und bemerkt uns nicht einmal. Er starrt auf einen Punkt in die Ferne, den er längst nicht mehr erreichen kann – aber wir steuern auf ihn zu, weiter Richtung Westen, unter wolkenlosem, strahlend blauem Himmel – wir sind die Sonnenköniginnen!
Schäfchen zählen...
Strasbourg bringt Regen. Ein Segen. Wir ruhen uns aus und gönnen unseren braven Fahrrädern ein Service. Tartes Flambées in La Petit France sind ein Muss, es sieht in echt alles so aus wie auf den Ansichtskarten. Nur die Obdachlosen, die verlorenen Geschöpfe in ihren nassen, schmutzigen Schlafsäcken vor den wochenends geschlossenen Boutiquen, sind nicht wegretuschiert.
Trotz aller berechtigten Kritik an der Institution, ihrer Trägheit und der Sturheit mancher Traditionen löst der Anblick des EU-Parlaments in mir ein Gefühl aus, das ich nur mit andächtig beschreiben kann. Ein Friedensprojekt. Nie in meinem Leben, und in dem der Generation vor mir, war und ist es beruhigender zu wissen, dass die Länder, die Staaten, deren Flaggen dort Seite an Seite hängen oder wehen, sich jedenfalls weder gegenseitig überfallen noch uralte Besitzansprüche aufleben lassen. Solange weiterhin mit etwas Vernunft gewählt wird. An dieser Stelle: Vive la France!
Entlang des Canal de la Marne au Rhin gibt es mehr weit zu entdecken als ein Radweg “nur am Kanal” befürchten lässt. Die Geschichte des Kanals an sich ist faszinierend und noch mehr das Schiffshebewerk Saint-Louis/Arzviller. Als trüge man Schiffe über einen Berg. Ein ziemlich cleveres System (erstaunlich gering abhängig von externer Energie) vermeidet so 17 Schleusen, die stillgelegt, fast ausgetrocknet sind. Die Tore verrostet, die Schleusenwärterhäuschen verwahrlost, wenige ausgesucht liebevoll renoviert – umringt von Wäldern, die belassen oder wieder zugelassen als Au mit vielen winzigen Nebenflüssen, -rinnsalen und einer Bigband aus Vogelstimmen. Durchziehende Schauer beträufeln und warme Frühlingssonne verdampft Farben und Gerüche – unsere Wahrnehmung ist beinahe überfordert. Wir sind aber schlecht beraten, mit offenem Mund zu radeln – ganze Mückenschwärme sind im Nu eingeatmet oder verschluckt ; )
Verschlafene Dörfer in großen Abständen voneinander, eine noch größere Stille dazwischen. Kein Straßenlärm, nicht einmal aus der Ferne. Das haben wir zuletzt am ersten Tag des Corona-Lockdowns im März 2020. Hier scheint es immer so zu sein. Links und rechts des Kanals weite Rinderweiden, landwirtschafliche Flächen aller Nutzungsarten – und Schafe. Viele viele Schafe! Jedes einzelne sieht uns an und blökt. Freundlich. Fragend. Pubertierende Halbwüchsige turnen gefährlich übermütig am Rande des Ufers herum – außerhalb der für sie vorgesehenen Zäune. Natürlich. Können Schafe schwimmen? Bis zur nächsten Schleuse bestimmt.
Und die Menschen sind warmherzig, unaufdringlich zuvorkommend. Unkompliziert und – irgendwie entschleunigt. Oder sind wir es schon? Keine Hektik, niemals. Selbst wenn wir in Städten an der Ampel bei Grün noch diskutieren, kein Hupen, kein Drängeln, als wäre Zeit nicht so wichtig.
Und dann eine Panne, gleich darauf die zweite – nichts Ernstes. Ein Splitter im Mantel. Rasch geklebt. Den Reifen wieder aufgepumpt. Dann das Fieber – die Reise hält an, begibt sich ins Innere.
Westwärts nach den Flüssen
Die Donau haben wir verlassen – wir folgen nun der Wörnitz. Ist es der eine Tag ausruhen in Ingolstadt gewesen, das wolkenlose Wetter oder ist es wirklich so, dass die Landschaft und die Flüsschen hier lieblicher sind? Bezaubernde Städtchen und Städte wie Harburg, Nördlingen, Schwäbisch Gmünd, Schorndorf – alle paar zig Kilometer verlieben wir uns neu. Fachwerkhäuser, aufwändig dekorierte Osterbrunnen, alles herausgeputzt, selbst das knospende Grün der Laubbäume wirkt wie frisch abgestaubt. Nicht umsonst wohl heißt eine Radroute entlang von alledem Romantische Straße.
Einen (nicht mehr ganz neuen) Meteorkrater zu durchradeln ist aufregender als gedacht – und wie zahlreiche Spuren sehr früher Siedlungen beweisen, bin ich nicht die Einzige, die dieser Faszination erlegen ist ; )
Die Schwäbische Alb ist eine hügelige Angelegenheit – und wie wir erschöpft unterhalb des sogenannten Ipfs (wohl ein keltischer Fürstensitz) bei Bopfingen auf einem Bänkle sitzen, erinnern uns fröhliche Menschen im schönsten Schwäbisch an wirkliche Berge wie z.B. in Österreich…
Wie als Wiedergutmachung für die unerwartete Anstrengung nimmt uns einen Tag später die Rems mit ihrem Lauf mit bis nach Bad Cannstatt bei Stuttgart. Dort erwartet uns ein Volksfest, nämlich die Wasen. Das ist so etwas wie die Wiesn in München, halt auf Schwäbisch. Da haben wir etwas dazugelernt. Gelernt haben wir auch, dass Stuttgart groß ist – voller Baustellen – und dass da herauszufinden eine echte Herausforderung ist. Bemerkenswerterweise ist es schließlich doch gelungen – durch ein Viertel hindurch geprägt von Namen wie Klagenfurter, Steiermärkische, Halleiner Straße und gleich im Anschluss Teutoburger, Odenwald und Idarwald Gasse – und dem Pfostenwäldle. Das lasse ich so stehen.
Durch riesige Obstgärten radeln wir, durch Blütenmeere aus Weiß- und Rosatönen, und eine Stachelbeer-Plantage haben wir vorher auch noch nicht gesehen. Je weiter wir nach Westen fahren, desto mehr wird das “servus!” vom “hallo!” abgelöst, die Klöster werden weniger und hören ganz auf, die Metzgereien bleiben, wenngleich nur mehr eine pro Ort. Martin-Luther-Gässchen häufen sich und in der evangelischen Kirchengemeinde in Würm gibt es keinen Pfarrer mehr. Das stimmt mich – obwohl wenig gläubig – traurig. Der Würmtalradweg am Rande des Schwarzwalds ist übrigens beeindruckend und empfehlenswert – gutes Schuhwerk zum Fahrradschieben auch!
Am Radweg schon hin zum Rhein entdecken wir das Radhaus Kastner bei Kuppenheim. Eine äußerst sympathische, zuvorkommende Mitarbeiterin pumpt unsere Reifen nach und weist uns noch den landschaftlich attraktivsten Weg Richtung Strasbourg (vorbei am Schlössle Favorite), den wir – ich auf auf meinem schwarzen Fahrrad und Zdenka auf ihrem Fröschle – gern beherzigen.
Büchereien fallen mir auf – große Büchereien in beinahe jeder Ortschaft. Sogar am Campingplatz im Schwarzwald fungiert ein entzückender kleiner Wohnwagen als eine solche.
Nach 980 km überqueren wir die Grenze zu Frankreich, ganz unspektakulär, denn es gibt keine Grenze. Auf dass das so bleiben möge – das geeinte Europa!
Trotzdem: Auf Wiedersehen, Deutschland! Ein wunderschönes Land – mit vielen Hochwasserschutzprojekten (entlang der Radwege), weil die Extremwetterereignisse so stark zu nehmen, mit zahllosen Hinweisen auf klimabedingte Veränderungen in den Wäldern und damit verbundenen Gefahren für die Besucher, Informationstafeln, die sensible ökologische Systeme der Aulandschaften entlang der Flüsse erklären und wie leicht sie aus dem Gleichgewicht geraten mit umfassenden Folgen – und mit viel zu vielen Autos, VIEL zu vielen Autos!
Klöster, Metzgereien und Wildgänse
… und perfekt beschilderte Fahrradwege in Ostbayern – und für den Fall, dass eine Umleitung oder Passau an sich ist, oder es wegen der abkühlenden Dämmerung schon grad pressiert, dann sind gonz vü freindliche Leit‘ da, die weiterhelfen, umleiten und abkürzen. Danke an alle Begegnungen bisher, die ausnahmslos gut gelaunt waren! Aufpassen muss man nur in der Wirtschaft am Karfreitag mit einer Frage zu den Öffnungszeiten des Handels – da gibt’s freilich nix zum Spaßen mit den religiösen Feiertagen.
Nix zum Spaßen sind außerdem Fahrradwegbeschilderungen, auf denen plötzlich Notrufnummern aufgeklebt sind (Weltenburg – Kelheim). Da geht’s durch den Wald bergauf und dann endlos noch weiter bergauf. Die 90 Stufen konnten wir zählen.
In fast jedem Ort, allesamt malerisch und erdig ruhend, gibt es zwei Metzgereien, in jedem zweiten ein Kloster und auf den Wiesen und Feldern dazwischen zahllose – offenbar geduldete – Wildgänse. Die Existenz Gottes zu verleugnen fällt in dieser Kombination wahrlich schwer.
Die Walhalla in Donaustauf, die Befreiungshalle in Kelheim – wieder stellt sich die Frage nach Stein und Sein – und wer den Preis dafür bezahlt hat?
Nach fast 600 km mögen wir das Wetter, wie es ist, wenn es nur nicht allzu sehr mit uns spielt. Frostige Morgen sind in Ordnung, der Körper gewöhnt sich – die Sonne wärmt schnell auf. Gegenwind vertragen wir auch schon recht gut, nur nicht am späten Nachmittag. Die Campingplätze haben wir bisher gut gewählt – bis auf Regensburg. Da war uns allerdings beim Bezahlen des völlig überteuerten Stellplatztarifs noch nicht klar, dass eine ganznächtige Rave-Party inbegriffen war!
Aber unsere Ausrüstung hält und hält, nichts quietscht oder wackelt gar. Keine Pannen bisher – – drum an dieser Stelle ein Dankeschön an das Team der Radschmiede in Hollabrunn für Rat und Tat.
377 Kilometer und 90 Stufen
Am 10. April bei vielversprechenden Sonnenschein und etwas herausfordernden Gegenwind gestartet passieren wir Graupelschauer und die Wachau stromaufwärts wenige Tage vor der Marillenblüte. Frostige Morgen begleiten unsere Aufbruchstimmung. Erinnerungsstätten und Mahnmale in Mauthausen und Gusen kurz vor Linz machen traurig bewusst, wie längst nicht aufgehört, was vor fast 90 Jahren begonnen hat. Vom Größenwahn Einzelner, deren Heerscharen an Günstlingen und Mitläufern unsägliches Leid erst ermöglichen, bleiben dereinst doch nur Steine – wie jahrtausendealte Überbleibsel entlang des Limes belegen. Also wozu?
Die Natur ignoriert des Menschen Geschichte völlig. Fast alle Vöglein sind schon da, zwitschern um die Liebste in allen Tönen und Melodien, die Donau schlingt unbeirrt durch ihr Bett und präsentiert sich uns fast die ganze Zeit so harmlos wie ein stiller See.
Den Übergang nach Deutschland beim Kraftwerk Jochstein muss man einfach mögen. 90 Stufen wenig barrierefrei gilt es zu überwinden (erfährt man, wenn man direkt vor dem schmalen Eingang zu den Stufen steht) – grad so, als sollte man sich die Einreise in den Freistaat Bayern erst verdienen. Jo, mei!
Vor der Reise
Zwischen Vorfreude und Zweifel – und ja, Panik! Selbst gewählt.
Zuviel, zuwenig? Zu leicht und zu schwer.
